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Fünf Generationen, ein Team!?


Warum nicht das Alter über die Leistung entscheidet – sondern die Führung

Es ist kurz nach sieben an der Rezeption. Der Frühdienst übergibt an die Spätschicht. Eine Auszubildende, 19, zeigt einem Kollegen, 58, wie man die Doppelbuchung im System in zwanzig Sekunden auflöst. Der Kollege wiederum erklärt ihr, warum man den Stammgast auf Zimmer 214 besser persönlich anruft, statt ihm eine automatische Mail zu schicken. Zwei Generationen, zwei völlig verschiedene Reflexe – und in diesem Moment ein einziges, funktionierendes Team.

Solche Szenen entscheiden heute über den Erfolg von Betrieben. Zum ersten Mal in der Geschichte arbeiten fünf Generationen gleichzeitig zusammen: von der Nachkriegsgeneration über Babyboomer,Generation X bis zu Millennials und der Generation Z. In vielen Häusern sitzen sie am selben Tresen, in derselben Küche, im selben Schichtplan. Die spannende Frage ist längst nicht mehr, ob das Reibung erzeugen wird. 

Sie erzeugt Reibung!

Die Frage ist, ob aus dieser Reibung Wärme wird oder Verschleiß?

Was die LSE-Studie wirklich herausgefunden hat

Die belastbarste Antwort darauf liefert derzeit eine Untersuchung der London School of Economics. Die Inclusion Initiative der LSE hat gemeinsam mit dem Beratungshaus Protiviti 1.450 Beschäftigte aus der Finanz-, Technologie- und Dienstleistungsbranche in Großbritannien und den USA befragt. Der Titel des Berichts bringt die Kernthese auf den Punkt: „Unlocking the Productivity Potential of a Multigenerational Workforce.“

Das Ergebnis ist unbequem für alle, die Altersunterschiede für ein reines Kommunikationsproblem halten. In Unternehmen mit generationenübergreifend inklusiven Arbeitspraktiken berichteten 87 Prozent der Beschäftigten von hoher Produktivität. In Unternehmen ohne solche Praktiken waren es nur 58 Prozent. Fast dreißig Prozentpunkte Unterschied – bei vergleichbarer Belegschaft, vergleichbarer Technik, vergleichbarem Markt. Der Unterschied liegt in der Art, wie geführt wird.

Noch deutlicher wird es bei den Jüngeren. Der Anteil der Gen-Z-Beschäftigten, die ihre eigene Produktivität als niedrig einschätzen, sank von 37 auf 18 Prozent, sobald inklusive Praktiken griffen – also fast eine Halbierung. Bei den Millennials fiel der Wert von 30 auf 13 Prozent. Und der Effekt hört nicht bei der Leistung auf: 

Wer generationenübergreifende Zusammenarbeit erlebt, ist etwa doppelt so häufig mit dem Job zufrieden und sucht seltener aktiv nach einer neuen Stelle. Produktivität, Zufriedenheit, Bindung – drei Kennzahlen, ein Hebel.

Der Denkfehler: 

Wir behandeln ein Führungsthema als Altersthema

Die naheliegende Erklärung lautet: Die Jungen ticken eben anders, die Älteren kommen nicht mit, dazwischen knirscht es. Diese Erzählung ist bequem, weil sie niemanden in der Verantwortung lässt. Sie ist nur leider falsch – oder zumindest unvollständig.

Die LSE-Daten zeigen: Jüngere Beschäftigte berichten dann von geringerer Produktivität, wenn ihnen echte Zusammenarbeit mit älteren Führungskräften fehlt. Nicht der Altersabstand an sich bremst, sondern das Fehlen von gemeinsamen Formaten, in denen Erfahrung und frischer Blick tatsächlich aufeinandertreffen. Das Alter ist die Oberfläche. Darunter liegt eine Führungsaufgabe, die viele Betriebe schlicht nie gelernt haben.

Und genau hier wird es für den deutschsprachigen Mittelstand konkret. Eine Befragung von 1.000 Beschäftigten in Deutschland zeigt ein wiederkehrendes Muster: Rund ein Viertel der Führungskräfte fühlt sich nicht sicher darin, die beiden jüngsten Generationen zu führen. Gleichzeitig hatte nur etwa ein Fünftel überhaupt jemals eine gezielte Schulung zum Thema Generationen-Zusammenarbeit. Man erwartet von Führungskräften eine Kompetenz, die man ihnen nie beigebracht hat – und wundert sich über das Ergebnis.

Was gute Führung im Generationen-Mix konkret anders macht

Die Studie benennt drei Stellhebel, die inklusive Betriebe von den anderen unterscheiden. Sie klingen unspektakulär. Genau das ist ihre Stärke, denn sie sind im Alltag umsetzbar – auch ohne großes Budget.

1. Nach Leistung entwickeln, nicht nach Jahrgang

In inklusiven Betrieben entscheidet, was jemand kann und einbringt – nicht, wie alt jemand ist oder wie lange er schon dabei ist. Das schneidet in beide Richtungen: Eine 24-Jährige darf ein Projekt leiten, wenn sie es kann. Ein 61-Jähriger bekommt anspruchsvolle Aufgaben, statt innerlich schon in Rente geschickt zu werden. Wo Beförderung und Verantwortung an Verdienst gekoppelt sind, verschwindet ein großer Teil der stillen Kränkungen, die Teams auseinandertreiben.

2. Führungskräfte gezielt für gemischte Teams befähigen

Ein Team aus fünf Generationen zu führen verlangt Fähigkeiten, die in klassischen Führungsseminaren kaum vorkommen: unterschiedliche Erwartungen an Feedback übersetzen, Konflikte moderieren, die auf verschiedenen Wertbildern beruhen, und die Delegation so gestalten, dass sich jede Generation gesehen fühlt. Das ist erlernbar. Aber es passiert nicht von selbst, nur weil jemand die Personalverantwortung trägt. Führungskräfteentwicklung ist hier kein Luxus, sondern die eigentliche Investition.

3. Vielfalt bewusst halten – und das zeigen

Betriebe, die sichtbar zu einer altersgemischten Belegschaft stehen und sie halten wollen, senden ein Signal nach innen: Hier ist für dich Platz, unabhängig vom Geburtsjahr. Dieses Signal wirkt auf die 19-Jährige an der Rezeption genauso wie auf den 58-jährigen Kollegen, der noch fünf gute Berufsjahre vor sich hat und das auch weiß.

Der Mittelstand rechnet in Menschen – und in Euro

Für Betriebe in Hotellerie, Gastronomie, Handel und anderen Mittelstands-Branchen ist das keine akademische Debatte. Es ist eine Rechnung. Wenn eine gute Fachkraft geht, geht nicht nur ein Name aus dem Dienstplan. Es gehen Einarbeitungszeit, Erfahrung, Gästebindung – und es kommen Kosten. Branchenschätzungen beziffern einen einzelnen Fluktuationsfall im Gastgewerbe auf einen fünfstelligen Betrag, wenn man Rekrutierung, Einarbeitung, Produktivitätsverlust und Mehrbelastung des restlichen Teams zusammengerechnet.

Vor diesem Hintergrund liest sich die LSE-Studie wie ein Angebot: Der gleiche Führungshebel, der die Produktivität hebt, senkt zugleich die Wechselbereitschaft. Wer bleibt, kostet kein neues Onboarding. Personalbindung ist damit nicht das weiche Gegenteil von Betriebswirtschaft – sie ist eine ihrer härtesten Kennzahlen. Und sie beginnt nicht bei der Obstschale, sondern beim Verhalten der Schichtleitung am Dienstagmorgen.

Vom Erkennen zum Tun: drei Schritte für die nächsten 30 Tage

Erkenntnis ohne Umsetzung verändert keinen Betrieb. Drei Dinge lassen sich sofort angehen, ohne dass ein einziger Berater ins Haus kommt.

Erstens: ein ehrliches Mitarbeitergespräch pro Generation, in dem nicht bewertet, sondern gefragt wird – „Was hilft dir hier, gut zu arbeiten, und was hält dich auf?“ Die Antworten unterscheiden sich oft weniger nach Alter, als man denkt. Zweitens: ein wechselseitiges Mentoring, in dem Erfahrung und digitale Selbstverständlichkeit in beide Richtungen fließen. Drittens: eine Führungskraft, die lernt, Feedback generationengerecht zu geben – knapp und häufig für die Jüngeren, eingeordnet und begründet für die Erfahrenen.

Das ist kein Kulturwandel über Nacht. Aber es ist der Unterschied zwischen 58 und 87 Prozent. Und dieser Unterschied entsteht nicht dadurch, dass die Menschen jünger oder älter werden. Er entsteht dadurch, dass jemand vorangeht und Führung ernst nimmt.

„Nicht das Alter bestimmt die Leistung, sondern die Führung tut es.“

Fünf Generationen unter einem Dach sind kein Problem, das man verwalten muss. Sie sind ein Produktivitäts-Potenzial, das darauf wartet, geführt zu werden. Klarheit darüber, welche Stärke jede Generation mitbringt. Haltung, die nach Leistung statt nach Jahrgang entscheidet. Wirkung, die sich in Dienstplan, Gästebewertung und Bilanz zeigt.

Quellen & Hinweise

[1] The Inclusion Initiative (LSE) & Protiviti (2024): „GENERATIONS: Unlocking the Productivity Potential of a Multigenerational Workforce“ – Befragung von 1.450 Beschäftigten in UK und USA. lse.ac.uk/tii/generations

[2] Kennzahlen zu Produktivität (87 % vs. 58 %), Gen Z (37 % → 18 %) und Millennials (30 % → 13 %) sowie zu Zufriedenheit und Bindung: LSE/Protiviti, ebd.

[3] Zahlen zur Führungssicherheit und Schulungsquote in Deutschland: Befragung von 1.000 Beschäftigten (Viking/OnePoll). Als Orientierungswerte zu verstehen.

[4] Fluktuationskosten im Gastgewerbe: Branchenschätzungen; im Einzelfall stark abhängig von Position, Region und Betriebsgröße. Als Praxis-Orientierung, nicht als exakter Betriebswert zu lesen.